Mittwoch, 17. Juni 2015

[ #xenophobie ] Entkomplexisierung: Zwischen Illusion und Verschwörung

Trügerische Sicherheit: Illusionen - Halluzination - Täuschung - Stereotyp - Verschwörungstheorie.

Optische Täuschungen können nahezu alle Aspekte des Sehens betreffen. Eine dem Stereotyp vergleichbare Wahrnehmungstäuschung und Entkomplexisierungsfunktion, der man sich auch durch angestrengte "Aufklärung" und Information nicht immer entziehen kann. Diese Vereinfachung schafft wohl aber auch zusätzliche Probleme. Dramatisch wird es, wenn Verschwörungsideologien, ihre stereotypenund monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision buchstäblich immunisieren.

Illusionen und Halluzinationen. In der Alltagssprache werden Illusionen auch als falsche Vorstellungen bezeichnet. Illusionen entstehen meist durch eine Umdeutung bzw. Fehldeutung von Sinneseindrücken. Illusionen können durch starke Hoffnungen oder Affekte hervorgerufen werden, die Phantasie ist dabei häufig stark beteiligt. In der Psychiatrie spricht man von Illusionenen, wenn wirkliche Gegebenheiten verfälscht wahrgenommen werden bzw. wenn zu Wahrnehmungen etwas hinzugefügt wird. Beispiel: Ein krummer, kleiner Baum wird in der Dämmerung nicht als Baum, sondern als bedrohliche Menschengestalt wahrgenommen. Im Gegensatz zu den Halluzinationen liegt bei den Illusionen ein Sinnesreiz vor (wie z.B. der Baum), der jedoch subjektiv umgedeutet wird, z.B. in eine Gestalt.

Optische Täuschungen. 
Das sind Fehler in unserer Wahrnehmung - und keine "Illusionen". Wenn wir eine optische Täuschung betrachten, so nehmen wir etwas war, das in Wirklichkeit so gar nicht existiert. Entscheidend dafür, ist der Weg vom Auge zum Hirn. Eigentlich funktioniert unser Auge wie ein Fotoapparat. Durch die Augenlinse fällt ein Bild von der Außenwelt auf die Netzhaut. Dort sorgen über 120 Millionen Sehstäbchen und -zapfen für ein natürliches Abbild unserer Umgebung. Und dennoch fallen wir immer wieder auf optische Täuschungen herein. Ein guter Anlass auch andere scheinbar objektive Wahrnehmungen auf den Prüfstand zu stellen.

Selektion der Information. Das Abbild der Umwelt gelangt auf kompliziertem Weg in unser Gehirn. Rund 800.000 Nervenzellen sind daran beteiligt. An dieser Stelle entstehen bereits erste optische Täuschungen. Da unsere Umwelt viel zu viel visuelle Reize bietet, muss das menschliche Gehirn "entscheiden", welche Informationen es zulässt. Auch wenn die Menschen unterschiedlich reagieren und sich nicht bei allen Objekten in gleicher Weise täuschen lassen, so bleibt doch das Faszinierende, dass man noch so genau hinsehen kann, - die Augen spielen dennoch einen Streich.

Akustische Täuschungen. Optische Täuschungen demonstrieren uns, dass wir oft "falsch" sehen. Wie oft aber hören wir etwas anderes? Das Gehirn moduliert bei den optischen Täuschungen Bilder nach seinen altbewährten Reizverarbeitungsstrategien. Ganz Gleiches geschieht beim Gehör. Mit Erfolg auch in der Musik bereits von J.S. Bach eingesetzt.

Shepard-Effekt. Die wohl bekannteste akustische Täuschung ist der Shepard-Effekt (benannt nach seinem Entdecker). Dieser Effekt täuscht dem Zuhörer eine steigende (oder fallende) Melodie vor, obwohl die Tonhöhe insgesamt gleich bleibt. Bereits Johann Sebastian Bach bediente sich dieser Technik in einem Friedrich dem Großen gewidmeten "Musikalischen Opfer". Welch geschickte Täuschung: So wie die Modulation sollte auch der Ruhm des Monarchen steigen. In seinem Buch "Goedel, Escher, Bach, ein endlos geflochtenes Band" gibt der Autor Douglas R. Hofstadter ein Rezept zur Konstruktion einer Shepard-Tonfolge an. Auf der Website des Gymnasiums Korschenbroich [D] findet man eine Anleitung, die Shepard-Tonfolge zu erzeugen.

Stereotyp. Das ist eine feststehende, starre Vorstellung entsprechend dem Namen: Von französisch stereotype, eigentlich: mit gegossenen feststehenden Typen gedruckt. Hier ist damit eine starre Vorstellung, ein geprägtes Vorurteil über bestimmte Wesensmerkmale oder Verhaltensmerkmale von anderen Menschen oder Gruppen gemeint. Es bezeichnet stark vereinfachte Verallgemeinerungen und schablonenhafte Beurteilungen in bezug auf Personen, Gruppen oder Völker. Stereotype können neutral sein, meistens sind sie aber abwertend (berufliche oder religiöse Stereotype). Häufig dienen sie der national(istisch)en Charakterisierung, z.B. "Alle Deutschen sind fleißig, alle Italiener lieben Nudeln" odt auch in der Form des Witzes (Friesen-Witze, Blondinen-Witze).

Stereotypische Vorstellungen sind leicht weiterzuvermitteln, besonders an Menschen, die sich noch kein eigenes Urteil über etwas bilden konnten und bei denen solche falschen Meinungen deshalb besonders fest haftenbleiben. Stereotype bestimmen das Verhalten des Menschen und werden bereits in der Kindheit erlernt. Schon der dt.- amerikanische Physiker Albert Einstein (1879-1955) meinte einst: "Es ist leichter ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil".

Die frühen Studien zur Erforschung von Vorurteilen stammen von US-amerikanischen Psychologen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In vielen Definitionen wird ein Vorurteil seitdem als ein vorschnelles Urteil auf Grundlage unzureichender Informationen gekennzeichnet, das zudem übergeneralisiert ist (nach dem Muster: "alle Frauen sind ..."). Es wird zudem als starres Urteil gekennzeichnet, dass auch bei widersprüchlichen Informationen nicht geändert wird, also weitgehend veränderungsresistent ist.

Vorurteile entstehen auch "nützlicherweise" dadurch, dass wir in unserer Wahrnehmung darauf angewiesen sind, bestimmte Sachverhalte dadurch zu vereinfachen, dass wir sie zu Stereotypen zusammenfassen, sie also in bestimmte Kategorien einordnen.Sie zielen aber besonders oft auf soziale Minderheiten innerhalb einer Gesellschaft, von denen man sich auf diese Weise abschirmen kann, ohne sich mit ihren Problemen auseinandersetzen zu müssen. Vorurteile werden oft mit der Erziehung vermittelt (auch die Bereitschaft, Vorurteile aufzunehmen), und es ist schwer, verfestigte Vorurteile wieder abzubauen.

Verschiedenen Erklärungsansätze und empirischen Studien machen deutlich, dass Vorurteile wichtige Funktionen für die einzelne Person bzw. für soziale Gruppen erfüllen können:

1. Vorurteile dienen der Orientierung in einer komplexen Welt, reduzieren Unsicherheit und bieten Verhaltenssicherheit; sie ermöglichen die Herstellung und Aufrechterhaltung von Selbstwertgefühlen.
2. Vorurteile dienen durch Ein- und Ausgrenzungen der Gruppenbildung und ermöglichen die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts der Eigengruppe und ein negatives Konzept von Fremdgruppen. Sie machen die Verschiebung aggressiver Gefühle auf Fremdgruppen möglich und können so auch die Solidarität innerhalb der Eigengruppe erhöhen.
3. Vorurteile dienen der Legitimierung von Herrschaft und tragen dazu bei, den Status quo der ungleichen Machtverteilung zwischen Majoritäten und Minoritäten zu erhalten;
4. Vorurteile dienen über die Bereitstellung von "Sündenböcken" und Mythenbildungen der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen: Über Fremd- und Feindbilder werden Gruppengrenzen festgelegt, und damit auch die Grenzen der Solidarität.

Vorurteile in Abgrenzung zu Stereotypen und Feindbildern. Im alltäglichen Sprachgebrauch und in einigen wissenschaftlichen Ansätzen wird kaum oder gar nicht zwischen Vorurteilen und Stereotypen (Klischees) unterschieden. Demgegenüber grenzt die Einstellungsforschung die beiden Phänomene deutlicher voneinander ab. Unter Einstellungen wird eine relativ stabile Tendenz von Menschen verstanden, auf bestimmte Objekte mit ganz bestimmten Wahrnehmungen, Meinungen, Vorstellungen, Gefühlen und Verhalten zu reagieren. Der Begriff des Stereotyps bezieht sich dabei auf kognitive Prozesse, der Begriff des Vorurteils auf gefühlsmäßige Be- bzw. Abwertungen. Mit Blick auf die Abwertung ethnischer Minderheiten ist der Vorurteilsbegriff nicht unumstritten. Statt von "ethnischen Vorurteilen" - so insbesondere sozialwissenschaftliche Ansätze - müsse vielmehr von "Rassismus" gesprochen werden, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein Problem verirrter oder falsch denkender Einzelner handle, sondern um ein kontinuierliches und kollektives Phänomen moderner Gesellschaften.

Während also die Einstellungsforschung (die eher dem Bereich der Psychologie zuzuordnen ist) ein Vorurteil als von Gefühlen bestimmte negative Bewertung beschreibt, die analytisch von diskriminierenden Verhaltensweisen zu unterscheiden ist, interpretieren Rassismusforscherinnen und -forscher (die häufig bei den Sozialwissenschaften einzuordnen sind) Rassismus nicht nur als ein der Gefühlswelt zuzuordnendes Phänomen, sondern als Ausgrenzungspraxis, die mit der damit verbundenen faktischen Macht der Durchsetzung einhergeht. Die Einstellungsforschung widmet sich mehr dem Individuum und seinen Vorurteilsstrukturen, die Rassismuskritik interpretiert vor allem strukturelle Erscheinungsformen von Rassismus und problematisiert Ansätze der Einstellungsforschung als unpolitisch, weil sie die strukturelle und machtvolle Verankerung individueller Vorurteile und Rassismen in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs nicht thematisiere.

Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien vermischen Fakten mit erfundenen Behauptungen und bauen auf stereotypen Feindbildern auf. Auch wenn viele wahnhafte Bezüge haben, sind die Anhänger nicht wahnsinnig. Vom Wahn unterscheidet sich der Verschwörungstheoretiker schon dadurch, dass de Wahnsinnige mit seinem Wahn in der Regel einsam ist während der Verschwörungsgläubige sich in einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten befindet. Sie nehmen in einer Zeit der Säkularisierung und dem damit verbundenen Verlust an Welterklärung oft religiöse Züge oder die Funktionen von Religionseratz an. Unbeachtet sollte dabei nicht bleiben, dass Verschwörungstheorien auch häufig Ergebnis autoritärer politischer Propaganda oder Geschäftsideen von Buchautoren sind. Untersuchungen zeigen auch einen anderen Zusammenhang auf, der Glaube an solche Theorien korreliert mit dem Bildungsgrad, auch wenn höhere Bildung nicht gegen Verschwörungstheorien automatisch immunisiert.

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