Dienstag, 17. Februar 2015

[SozialesLeid⇔SozialesLied] Leonhard Cohen: "Die Gedanken sind frei!" (deutsch, 1976) auf YouTube


Es ist für mp3-verwöhnte Ohren vielleicht nicht das ganz Wahre. Aber Live-Mitschnitte aus einem Deutschland-Auftritt im Jahre 1976, also vor rund vier Jahrzehnten, waren halt nicht besser. Leonhard Cohen interpretiert dort das Lied - ergreifend - in deutscher Sprache!

Der Text des Liedes war mehrmals verboten. Heute tarnen sich leider auch Rechtsextremisten damit und missdeuten und missbrauchen den Sinn des Liedes für sich.

Fliegende Blätter. Um 1780 wurde der Text zum ersten Mal auf süddeutschen Flugblättern veröffentlicht. Im Zeitraum zwischen 1810 und 1820 wurden Text und Melodie in "Lieder der Brienzer Mädchen" in Bern gedruckt. Im Jahr 1842 wird die Weise in dem Buch "Schlesische Volkslieder" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (und Ernst Friedrich Richter) veröffentlicht. Von Hoffmann von Fallersleben stammt auch "Das Lied der Deutschen", dessen dritte Strophe die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist.


Der Grundgedanke des Liedes findet sich jedoch schon im 13. Jahrhundert bei Freidank (1229: "Diu bant mac nieman vinden, diu mine gedanke binden") und Walther von der Vogelweide (etwa 1170 bis 1230; "Sind doch Gedanken frei"), wie auch bei dem österreichischen Minnesänger Dietmar von Aist (12. Jhd.): "Die Gedanken, die sind ledig frei". Später wurde zu dem ursprünglich vierstrophigen Lied eine weitere Strophe hinzugefügt und verschieden liberale Studentenverbindungen verwenden den Text als ihr Bundeslied.


Sophie Scholl.  Die Tatsache, dass dieses Lied während der Deutschen Märzrevolution (1848/1849) und der Zeit des Nationalsozialismus (1933-45) verboten war, spricht für das unaufgebbare Motiv, das in diesem Liedtext zum Ausdruck kommt. Einer von Sophie Scholls Vater in ihrer Biografie erwähnten und gepriesenen Leitsätze war "Die Gedanken sind frei". Sophie wusste ihrem Vater auch diese Erziehung zu danken, indem sie beispielsweise nachts vor seiner Gefängniszelle im August 1942 "Die Gedanken sind frei" auf der Flöte für ihn spielte.


Ernst Reuter. Am 9. September 1948, auf dem Höhepunkt der Berliner Blockade durch Stalin, hielt der legendäre sozialdemokratische Bürgermeister Ernst Reuter vor über 300.000 Berlinern vor der Ruine des Reichstagsgebäudes seine Rede, in der er an "die Völker der Welt" einen Appell richtete, die Stadt nicht preiszugeben. Nach seiner Rede stimmte die Menge vor dem Reichstag spontan "Die Gedanken sind frei!" an.

1.
Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger sie schießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei!

2.
Ich denke was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei!

3.
Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei!

4.
Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen,
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei!

5.
Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine:
mein Mädchen dabei,
die Gedanken sind frei!

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